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Utopie Universität. Eine Ideensammlung

Workshop Im Apparat, 4. Dezember 2021

Call for Papers

»Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt.«
Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher (F 537)

Utopie Universität. Eine Ideensammlung

Die Vorlesungsreihe Im Apparat veranstaltet am 4. Dezember 2021 einen Zoom-Workshop zum Thema Utopie Universität. Eine Ideensammlung
Utopie, der Begriff bedeutet wörtlich Nicht-Ort. Bei Utopien geht es darum, Ideen von möglichen Welten, Gesellschaften, Institutionen zu entwickeln. Das Phantastische, Gedankenexperimente und erfundene Szenarien etwa sind Darstellungsmittel der Utopie. Die Universität als kultureller Ort ist ihrerseits geprägt von solchem – vermeintlich unrealistischem – Denken, aus dessen Fundus heraus dann doch die Gesellschaft ihre Zukunftsprojekte entwickelt. Antworten darauf, was Universität denn sei, haben ein utopisches Potential: offener Grenzort, wo die Infragestellung möglich ist, von Bewährtem abgewichen wird, vorhandene Grenzen überschritten werden (Bernhard Waldenfels: Universität als Grenzort), wo es unbedingte Freiheit gibt, „das Recht, öffentlich auszusprechen, was immer es im Interesse eines auf Wahrheit gerichteten Forschens, Wissens und Fragens zu sagen gilt“ (Jacques Derrida, Die unbedingte Universität), wo die Wissenschaft sich als ‚nie ganz Aufzufindende‘ versteht – also ein Ort des Suchens (Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin) oder, was Humboldt unter Bildung versteht, die „letzte Aufgabe unseres Daseyns“, „dem Begriff der Menschheit in unsrer Person, sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung.“ (Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen). Die Universität ist ein Ort, an dem kulturelle Globalisierung praktiziert wird, wo also Sprachen, kulturelle Prämissen und Denkmuster miteinander verglichen und ineinander übersetzt werden. Auch Edmund Husserl betont dieses kosmopolitische Selbstverständnis im Denken, wenn er die Philosophen als „Funktionäre der Menschheit“ fasst (Edmund Husserl: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, § 7)
Der Workshop knüpft an frühere Veranstaltungen an und hat zum Ziel, die Idee der Universität zu erweitern und das utopische Potential zu erneuern, interessante Ansätze zu sammeln und zu konkretisieren. Gesucht werden Beiträge, die eine spezifische Idee umkreisen, einen Hinweis, eine Skizze, gerne auch aus der Architektur, der Verwaltung, die Medien etc. betreffend. Dabei geht es nicht nur um medien- und filmwissenschaftliche Ideen, sondern gerade auch um interdisziplinäre Bereiche und Vernetzungen, etwa des universitären Klinikums, der Medizin, der naturwissenschaftlichen Forschung mit der geisteswissenschaftlichen, um Bestimmungen dessen, was Universität überhaupt sein soll und kann.
Mögliche Themenfelder für Beiträge wären: ⤵
* Medien und Wissen, Bild und Sprache
* Unrealisierte Potentiale der Universität, der Klöster, der Schulen, Hochschulen und Akademien
* Verwaltungsideen und Finanzierungsmodelle, Fächergrenzen und Ökonomien
* Neue Felder der Forschung
* Bewussteinsschulung und Universität (Meditation, Hypnose, Yoga, Achtsamkeit)
* Psychedelische Erfahrungsräume, Bewusstseinsexperimente
* Architektur und Universität, Lern-, Verstehens- und Wissensräume entwerfen, Orte des Wissens generieren (Bauhaus, Oscar Niemeyer, Terunobu Fujimori, John Lautner, 3deluxe, Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima, Verner Panton, Bühnendesign/Filmkulissen Hiromasa Ogura, Erich Kettelhut, Otto Hunte, Ken Adam etc.)
* Geschichte der Utopien, Anachronismen und deren Scheitern
* Denkfehler und spinnerte Ideen, die sich als gut erwiesen
* Gedankenexperimente
* Vergessene Felder der Forschung
* Kunst und Wissenschaft und deren Relation
* Alternative Finanzierungsformen
* Freiheit neu denken und schützen
* Digitalisierung, ungenutzte Potentiale
* Neue Öffentlichkeiten, Synergien
* Kulturelle Zusammenarbeit, Projektideen für Gedankenaustausch
* Gerechter Zugang zur Universität
* Institutionen und Staat, Staat und Universität, Selbstverwaltung
* Globalisierung und Klima
* Planetare Universität, Science Fiction und Verstehens- und Wissensräume (Isaac Asimov, Philip K. Dick, William Gibson)
* Ideen und Potentiale des Archivs
* Leiberfahrung, Gender-Utopien, Gefühle und Wissen
* Umgang mit Zeit und Raum
* Gedenkstätten, Sepulkralkultur, Erinnerung und gesellschaftliches Gedächtnis
* Fröhliche Wissenschaft, »Luftschifffahrer des Geistes« (Friedrich Nietzsche)
* Ent- und Verzauberung der Welt durch Wissenschaft (Max Weber)
* Zielgerichtetheit und Offenheit
* Hegemonie und Kritik
* Subversion und Politik, Universität als politischer Ort
* Legitimierungsstrategien normativer Utopien
* Verstehen und Lernen
* Kontrolle und Vertrauen
* Universität als Ort des Lebens (Academical Village)
* Reisen und Bildung, Bildung ohne Institution, Erziehungsanstalten vs. Bildungsanstalt (Hermann Keyserling, Hubert Fichte, Johann Wolfgang Goethe)
* Dystopien, Auswahlverfahren, Konkurrenz
* Meta-Überlegungen, Praxis und Universität, Egalitarismus, meritokratische Utopie
* Universitäten im kulturellen Vergleich, Milieu, Rankings
* kulturelles Kapital
* Bildung als Utopie (ästhetische Erziehung)
* Wissensformen, Tugenden, Eudämonismus
* Elfenbeintürme, Traumschlösser, der grüne Tisch, der runde Tisch, Taugenichtse, Narren, Clowns und Harlekine
* Beispiele

Die Veranstaltung findet ausschließlich online per Zoom statt.
Wir bitten um die Zusendung eines kurzen Abstracts von ca. 200 Wörtern bis zum 31.10.2021 an becker.andreas@posteo.de.
Organisation
Assoc. Prof. Dr. Andreas Becker und Dr. des. Christopher Schelletter
Voraussichtlich sind für jeden Beitrag in dem Workshop 10 Minuten für den Vortrag und zzgl. Diskussion vorgesehen. Es geht dabei nicht darum, die wissenschaftliche Literatur aufzuarbeiten oder zu referieren, sondern die Präsentation einer konkreten Idee soll im Fokus stehen. Dabei sind auch alternative Präsentationsformen wie Zeichnungen, Videos, Musik, theatrale Performances, Gespräche und Interviews etc. möglich.
Sollten die Zahl eingesandten Beiträge den Zeitraum des Workshops übersteigen, wird dieser fortgesetzt.
Call-for-Papers bis zum 31. Oktober 2021[pdf]

Gefördert vom DAAD Tokyo.

Literatur und Medien

Literatur ⤵ Bloch, Ernst: Geist der Utopie. Erste Fassung, Berlin: Suhrkamp 2018.
Bruin, Andreas de: Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. 10 Jahre Münchner Modell, Bielefeld: transcript 2021. [Link]
Derrida, Jacques: Die unbedingte Universität, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.
Haß, Ulrike (Hrsg.) und Müller-Schöll, Nikolaus (Hrsg.): Was ist eine Universität? Schlaglichter auf eine ruinierte Institution, Bielefeld: Transcript 2009.[Link]
Horst, Johanna-Charlotte (Hrsg.) (u.a.): Was ist eine Universität. Texte und Positionen zu einer Idee, Zürich: Diaphanes.
Müller, Ernst (Hrsg.): Gelegentliche Gedanken über Universitäten, Leipzig: Reclam 1990.
Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, hrsg. von Walter Biemel, Husserliana Bd. VI, Haag: Nijhoff 1954.
Murakami, Haruki: Unrealistischer Träumer, Dankesrede von Haruki Murakami zur Verleihung des International Catalunya Prize am 11.Juni 2011.
Nietzsche, Friedrich: Morgenröthe, , in: KSA Bd. 3, hrsg. von Giorgio Colli, München: dtv (u.a.) 1980. [Link]
Ders.: Die fröhliche Wissenschaft, in: KSA Bd. 3, hrsg. von Giorgio Colli, München: dtv (u.a.) 1980. [Link]
Voßkamp, Wilhelm (Hrsg.): Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie, 3 Bde. Metzler, Stuttgart 1982.
Voßkamp, Wilhelm (Hrsg.); Blamberger, Günter (Hrsg.); Roussel, Martin (Hrsg.): Möglichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in der Gegenwart, München: Fink 2013.[Link]
Weber, Max: Wissenschaft als Beruf, in: ders.: Politik und Gesellschaft, Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2006, S. 1016-1041.
Weiterführende Literatur ⤵ Geschichte, Kultur und Verwaltung der Universität
Bollenbeck, Georg: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996.
Corn, Joseph J. (Hrsg.): Imagining Tomorrow: History, Technology, and the American Future, Cambridge: MIT Press 1986. Friedeburg, Ludwig von: Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992. Grundmann, Herbert: Vom Ursprung der Universität im Mittelalter, Berlin: Akademie 1957.
Hörisch, Jochen: Die ungeliebte Universität. Rettet die Alma mater!, München: Hanser 2006.
Kluge, Alexander: Die Universitäts-Selbstverwaltung. Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform, Frankfurt am Main: Klostermann 1958.
Killius, Nelson (Hrsg.) (u.a.): Die Zukunft der Bildung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002.
Killius, Nelson (Hrsg.) (u.a.): Die Bildung der Zukunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.
Koschorke, Albrecht. 2004. „Wissenschaftsbetrieb als Wissensvernichtung. Einführung in die Paradoxologie des deutschen Hochschulwesens.“ In: Dorothee Kimmich und Alexander Thumfart (Hrsg.). Universität ohne Zukunft? Frankfurt/M.: 142-157.
Liesner, Andrea (Hrsg.)/Sanders, Olaf (Hrsg.): Bildung der Universität, Beiträge zum Reformdiskurs, Bielefeld: transcript 2005. [Link]
Rüegg, Walter (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa, Bd. 1-4, München : Beck 1993-2010.

Architektur
Archinform, Datenbank der Architektur [Link]
Beuckers, Klaus Gereon (Hrsg.): Architektur für Forschung und Lehre. Universität als Bauaufgabe, Kiel : Ludwig 2010.
Breuer, David (u.a.): Baumeister der Revolution: Sowjetische Kunst und Architektur 1915-1935, Essen: Mehring-Verl. 2011.
Le Blanc, Thomas (Hrsg.): Utopische Räume: Phantastik und Architektur, Wetzlar:  Phantastische Bibliothek 2008.
Mitchell, William J.: Imagining MIT: designing a campus for the twenty-first century, Cambridge: MIT Press 2007.
Thomsen, Christian W.: Architekturphantasien: von Babylon bis zur virtuellen Architektur, München: Prestel 1994.
Weihsmann, Helmut: Gebaute Illusionen: Architektur im Film, Wien: Promedia 1988.

Zeitschriften
Utopian Studies (Journal), Editor Nicole Pohl, Arts and Humanities, Oxford Brookes University, GB. [Link]
Spaces of Utopia (Journal) [Link]

Youtube-Videos

Youtube ⤵
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Aktualisiert am 30.09.2021., V.i.S.d.P., Andreas Becker, E-Mail becker.andreas[at]posteo.de